»Moby Dick« als Graphic Novel von Chabouté

Aus der Reihe: Berichte aus dem Bildermeer

Chabouté nach Herman Melville: Moby Dick

Egmont, gebunden

»Moby Dick« ist einer der zeitlosen Klassiker der Weltliteratur, bei seinem Erscheinen 1851 freilich völlig verkannt und lediglich lausig verkauft. Das Buch wurde ein Wendepunkt in der Schriftstellerlaufbahn seines Autors Herman Melville (1819-1891), dessen Geburtstag sich im August dieses Jahres zum 200. Mal jährte. Und nicht etwa, wie man heute denken sollte, ein Wendepunkt hin zum Erfolg – den hatte Melville zuvor schon mit den stark autobiographisch gefärbten Romanen »Typee« und »Omoo« gehabt –, sondern im Gegenteil zu einer bis zu seinem Tod anhaltenden Phase des Misserfolgs und der zunehmenden Verarmung. Erst nach Melvilles Tod wurde die enorme Wucht, stilistische Qualität und Komplexität des Romans gewürdigt.

Chabouté, Moby Dick, Graphic Novel, CoverDer 1967 im Elsass geborene französische Comic-Zeichner und Illustrator Chabouté hat den Stoff als große Graphic Novel adaptiert. Die Qualität des Beginns ist freilich noch ungleichgewichtig. Ismael, die Erzählerfigur, kommt beispielsweise mit Glubschaugen, Knollennase und tiefgezogenen Mundwinkeln daher, was ihm kein melancholisches, sondern ein tranfunzeliges Aussehen verleiht. Überhaupt liegt anfangs eine Schwäche in der ungenügenden Gesichterausformung und in ihren zu häufig effekthascherisch statisch-stieren Blicken. Andererseits überzeugen die kontrastreichen SW-Bilder von Beginn an in den wortlosen, scherenschnitt-artigen Schatten-Passagen, die ungeheure Dramatik entfalten.

Und nach mittelprächtigem Beginn gewinnen dann doch immer mehr die Düsterkeit der Geschichte und die obsessive Dynamik der irrwitzigen Rachegeschichte um den weißen Wal die Oberhand. Wenn Kapitän Ahab nachts allein über das Deck seines Walfängers schreitet, der indianische Harpunier Queequeg seinen nahenden Tod zu spüren vermeint oder Ahab seine frisch geschmiedete Wallanze in Blut taufen lässt, laufen Chaboutés Zeichnungen zu großer Form auf. Es ist, als habe sich auch Chabouté während der Arbeit immer mehr und sehr zum Vorteil seiner Graphic Novel in Ahabs finsteren Bann ziehen lassen.

MICHAEL KLEIN