»Tom Sawyer« als Williams-Jugendheft

Aus der Reihe: Schöne Fundstücke

Soll man sich nun einfach nur freuen oder sich doch etwas irritiert den Kopf kratzen, welche Schätze man in unserer Zeit für’n Appel plus halbes Ei online erwerben kann? Frisch ausgepackt: das Williams-Jugendheft »Die Abenteuer des Tom Sawyer« von 1947, bestens erhalten, als könne man es gerade genau so am nächsten Kiosk kaufen.

Nach dem II. Weltkrieg herrschte in Deutschland bekanntlich an so ziemlich allem Mangel – lediglich den Mangel selbst, den gab es in Hülle und Fülle –, und das betraf auch das Vorhandensein von Pappe, Papier, Heftgarn und Buchbindeklammern. Gleichzeitig existierte ein großes Lese- und Unterhaltungsbedürfnis bei äußerst bescheidener bis nicht vorhandener Kaufkraft.

Der Verleger Rowohlt kam in dieser Situation auf die brillante Idee, ganze Bücher in Zeitungsform zu drucken: der komplette Text in winziger Schrifttype bei geringem Zeilenabstand zusammengedrängt auf billigem Papier im Großformat. »Rowohlts Rotations-Romane« nannten sich diese Zeitungshefte, die ab Ende 1946 herauskamen, noch heute kennt man ihre Abkürzung: »rororo«.

Der Berliner Kinder- und Jugendbuchverlag Williams begann im Sommer 1947 nach diesem Vorbild eine eigene Heftreihe mit Klassikern für junge Leser. Der Verlag war seit Mitte der 20er Jahre eine der ersten Adressen im Verlagswesen, zu seinen erfreulichsten Verdiensten gehörte die Mittäterschaft an den Kinderbuchklassikern von Erich Kästner. Sie erschienen nämlich nicht nur bei Williams, sondern wurden auch von der Verlegerin Edith Jacobsohn initiiert. Es fehle an guten deutschen Kinderbuchautoren, ob er nicht eines schreiben wolle, fragte bzw. bat sie den mit ihr befreundeten Kästner. Kästner hatte seine Zweifel, ob er das könne, Edith Jacobsohn dagegen nicht die geringsten. Das erste Ergebnis hieß bekanntlich „Emil und die Detektive“.

In der Reihe der Williams-Jugendhefte erschienen Klassiker wie „Winnie Pooh“ (»Pu, der Bär«), »Heidi«, Kästner-Ausgaben und eben auch dieses Heft, das zwei meiner Helden zusammenbringt. „Tom Sawyer“ von Mark Twain, ungekürzt zusammengedrängt auf 60 Seiten, dazu zahlreiche kleine SW-Illustrationen von Walter Trier, dessen Zeichnungen voller Charme, Witz und Verspieltheit sind. Der junge Leser und Literaturfreund kennt Walter Trier natürlich vornehmlich durch seine Arbeiten für zahlreiche Kästner-Bücher, und Tom Sawyer und Huckleberry Finn reihen sich in diesen Stil so harmonisch ein, als läge St. Petersburg, Missouri, aus Mark Twains Roman irgendwo am Wannsee. Aber abgesehen von Detailverschiedenheiten haben die menschlichen Erfahrungen ja doch eine gewisse Grundähnlichkeit, und in diesem Fall passt die Verwandtschaft ganz hervorragend. Innen sieht das Heft so aus: eine winzige Schrifttype, die aber gut zu lesen ist, der Text zweispaltig einzeilig gesetzt und die meisten Seiten aufgelockert durch kleine Illustrationen. Das Heft erschien im Oktober 1947 in einer Auflage von 100.000 Stück.

Die Williams-Jugendhefte gab es von 1947 bis 1949. Dann kam das Wirtschaftswunder, und mit ihm Papier, Pappe und Garn für Bücher.

Michael Klein

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