Ketil Bjørnstad – Die Aksel-Vinding-Trilogie 1

Aus der Reihe: Bücher, die sich wirklich lohnen

Ketil Bjørnstad: Vindings Spiel

Insel Verlag, gebunden und als Taschenbuch

Wüsste man nicht, welch glänzender Erzähler Ketil Bjørnstad ist, man käme in Versuchung, seinen neuen Roman »Vindings Spiel« früh zur Seite zu legen. Und wäre dann selber schuld.

Um einen jungen Klavierschüler im Norwegen der 60er Jahre geht es, um Aksel Vinding, der als Teen seine Mutter verliert, kein gutes Verhältnis zu Vater, Schwester und Schule hat und der sich emsig in das flüchtet, was ihm bleibt und was ihn mit der toten Mutter verbindet, deren Hoffnung er war: die klassische Musik, in der er es zu etwas bringen will.

Der Roman beginnt furios; gedrängt werden wir in die Lebensumstände einer Familie eingeführt, die noch Harmonie zu spielen versucht, wo die Brüche längst überdeutlich sind. Danach aber schwächelt das Buch eine ganze Weile vor sich hin. Mal wird es ein wenig platt, mal wird literarisch konstruiert statt lebenswahr erzählt. Und dann geschieht es eben doch: Der Autor findet seinen roten Faden, trifft plötzlich den richtigen Ton und lässt uns an seinen Figuren teilhaben.

»Vindings Spiel«, so der Titel, nimmt so recht Fahrt auf, als der verschlossene, ehrgeizige, gelegentlich überhebliche Aksel zunehmend in die Gruppe des vielversprechenden Nachwuchses unter den Klavierschülern des Landes integriert wird. Außer ihm sind es alles junge Frauen, und Bjørnstad spielt die verschiedenen Charaktere und die Spielarten der weiblichen Anmut geschickt aus – von der bodenständig-kumpelhaften Rebecca Frost über die erotisch zielstrebige Margarethe-Irene bis zur unnahbar-ätherisch scheinenden Anja Skoog. In ihnen spiegeln sich zugleich unterschiedliche Verhaltensweisen gegenüber dem immensen Druck und den geradezu erbarmungslosen Anforderungen der strengen Auslese in der Welt der klassischen Musik. Und Bjørnstad findet zu einer Wärme des Tons, zu berührenden Szenen und Formulierungen voll einfacher Schönheit, die zu erzählerischen Reflektionen über Kunst, Liebe, Erotik und Trauer kulminieren.

Bjørnstad verarbeitet in diesem Roman auch eigene Erfahrungen. Er hat selbst klassisches Klavier studiert und ist heute als glänzender Jazz-Pianist ebenso gefeiert wie als Schriftsteller.

Michael Klein

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