Max Frisch – Antwort aus der Stille

Aus der Reihe: Bücher, die sich wirklich lohnen

Max Frisch: Antwort aus der Stille

Suhrkamp Verlag, Taschenbuch

Gelegentlich, wenn ich gerade mehrere Neuerscheinungen angelesen und mangels Interesses beiseite gelegt habe, frage ich mich, ob ich durch die immensen Lektüren meines Lebens womöglich überkritisch geworden bin. Als veritabler Probierstein erweist sich dann, zu einem der Früh- oder Nebenwerke (mithin einem, das als weniger bedeutend gilt) von einem meiner dauergeschätzten Schriftsteller zu greifen – wie macht es sich im Vergleich zu den vorhergehenden Lektüren?

Max Frisch, Antwort aus der Stille, Cover

Suhrkamp Taschenbuch, 8 Euro

Als anlässlich von Max Frischs 60. Geburtstag eine Ausgabe seiner gesammelten Werke zusammengestellt wurde, blieb die lange Erzählung »Antwort aus der Stille« auf Wunsch des Autors außen vor. Sie ist eines seiner Frühwerke, erstmals 1937 erschienen – da war er 26 Jahre alt. 18 Jahre nach Frischs Tod wurde das seinerzeit schon lange vergriffene Buch wiederaufgelegt, und so ist es heute noch leicht zugänglich, z.B. als Suhrkamp-Taschenbuchausgabe für 8 Euro. Allerdings liegt die Frage natürlich nahe, ob eine solche posthume Neuveröffentlichung als im Sinne des Autors zu werten ist?

Die Frage ist angesichts der Lektüre leichter zu beantworten, als man zunächst denken sollte. Erstens wird von Verlagsseite auf den gerade geschilderten Umstand hingewiesen – damit bleibt der Wunsch des Autors im Raum. Zweitens fällt es nicht schwer, die Unvollkommenheiten in Stil und Komposition auszumachen, die einem noch unausgereiften Schriftsteller unterlaufen. Drittens, und das ist entscheidend, verlangte die Qualität der Erzählung unbedingt nach dieser Veröffentlichung.

Max Frisch ist in ihr zwangsläufig noch nicht auf der Höhe seines Könnens – und das wird ihn, selbstkritisch, wie er war, geärgert haben. Andererseits ist »Antwort aus der Stille« bereits völlig unverkennbar ein Werk aus seiner Hand, die Motive seines späteren Werks vorausnehmend, stark in den Figuren, über weite Strecken mitreißend im Stil, der knappst und präzise Lebensverhältnisse plastisch werden lässt, dazu ein klarer Blick auf die großen Fragen des Lebens, nach Identität und der Möglichkeit des bewusst zu wählenden Lebensentwurfs.

Im Zentrum steht der Leutnant und Lehrer Balz Leuthold, der an seinem 30. Geburtstag etwas Großes vollbringen will. Schon immer hat er geglaubt, zu Bedeutendem berufen zu sein, hat das Alltagsleben der durchschnittlichen Welt als fade und ungenügend abgelehnt, hat ein Werk im Sinn, oder eine Tat, so genau weiß er es nicht. Und jetzt geht er auf die 30 zu und wird nervös und ungeduldig – er lebt wie alle anderen, Durchbruch, Erfolg oder Heldentum verzögern sich bedenklich, die Sorge wächst, sie könnten ganz ausbleiben.

Getrieben von einer Mischung aus Geltungswillen und der Angst, das Leben, das jeder nur einmal hat, in der Banalität und mit Halbheiten zu vergeuden, fasst er einen waghalsigen Entschluss: Einen unbezwinglich scheinenden Berggipfel will er als erster ersteigen. Während seiner Vorbereitungen zum Aufstieg bandelt er mit Irene an, einem Gast auf einer Berghütte; und zu seinem Alltagsleben, das er hinter sich lassen will, gehört seine Verlobte Barbara, die er im Streit verlassen hat und die ihm nun nachreist. Drei Figuren, die im Lauf der folgenden Ereignisse in Fragen nach ihrer Haltung zu sich selbst, zum jeweils anderen und zur Grundausrichtung ihres Lebens gezwungen werden.

Über achtzig Jahre alt ist diese Erzählung, aber bis auf Winzigkeiten liest sie sich überraschend zeitgemäß, unverjährt im Entwurf, überzeugend in der Schilderung der Konflikte, übrigens auch spannend. Wirklich, man wünscht, dies wäre tatsächlich das aktuelle Buch eines heutigen jungen Autors, auf dessen weitere Werke man sich würde freuen können. Wer aber die modernen Klassiker Frischs wie »Stiller«, »Homo faber« oder »Montauk« noch nicht gelesen haben sollte, hat es freilich besser und ja noch jede Menge hochlohnenden Lesestoff vor sich.

Michael Klein

William Gilmore Simms: Lenatewa – 8. Kapitel

William Gilmore Simms - Lenatewa (Header)

8. Kapitel

Die ausführliche Beschreibung jenes Krieges findet ihr in Büchern und Zeitungen, deshalb beschränke ich mich darauf, jene Einzelheiten zu erzählen, die uns betrafen.

Der junge Häuptling Olaschottee, der Vetter und Feind Lenatewas, hatte die Indianer, die unsere Niederlassungen überfallen sollten, angeführt, und obwohl er nicht erreicht hatte, was er wollte, fügte er uns doch viel Unheil zu. Er zündete unsere Besitzungen an, um uns aus dem Blockhaus zu locken; als ihm dies aber nicht gelang, zog er ab, weil ein Indianer bei einer längeren Belagerung leicht ermüdet. Wir sahen ihn nicht wieder bis zu jenem Frieden, der nach der Niederlage der Indianer bei Echotee rasch zustande kam. Bei letzterer Gelegenheit wurde Lenatewa gefährlich verwundet, doch da die Indianer in der Regel geschickter in derlei Heilungen sind als die Weißen, erholte er sich wieder, wenn auch sehr langsam.

Währenddessen waren wir alle auf unsere Besitzungen zurückgekehrt, pflanzten, bauten und vergaßen die überstandenen schweren Zeiten.

Eines Tages wurden wir von Lenatewas Besuch überrascht, der mit völlig geheilten Wunden zurückkehrte. Er war ein schöner, wohlgewachsener Mann und sah in seiner malerischen Kleidung äußerst stattlich aus. Wir begrüßten ihn alle als einen alten Freund, und er blieb drei Tage bei uns. nahm dann Abschied, kam aber nach einigen Wochen wieder und verweilte abermals drei Tage.

So fuhr er fort, uns von Zeit zu Zeit zu besuchen, bis Betsy mir eines Tages sagte:

»Hör mal, Daniel, Lenatewa kommt nur wegen Lucy so häufig zu uns, glaub‘ mir.«

Als sie mir das mitteilte, erinnerte ich mich, wie ungemein aufmerksam der junge Häuptling gegenüber Lucy war und dass er uns oft verließ, um ihr in den Garten zu folgen. Wenn er ihr wirklich gewogen ist, dachte ich mir allerdings, sollte denn ein so braver Bursche, ein edler, großmütiger, besonnener Indianer nicht ebenso gut sein wie ein Weißer? Betsy wollte davon nichts wissen und ereiferte sich, ihre Tochter solle keinen Wilden, keinen Heiden, keinen Rothäutigen heiraten, solange sie noch ein Wort zu reden habe.

Ich beruhigte sie mit der Bemerkung, dass immer noch Zeit genug sei, dem jungen Häuptling eine Antwort zu geben, wenn er gefragt hätte. Im Übrigen wäre es unsere Schuldigkeit, ihm nach allem, was er für uns getan habe, freundlich zu begegnen.

Betsy war indes anderer Meinung und behauptete, der Stiefel wäre am andern Bein, die Dankbarkeit sei auf seiner Seite und nicht auf der unsrigen, und ich konnte sie nicht einmal dazu bringen, Lenatewa wenigstens mit freundlichen Blicken zu empfangen. Dieser schien sich übrigens nicht viel daraus zu machen, da ich selbst ihm gegenüber stets zuvorkommend war.

Lucy behandelte ihn ebenfalls immer höflich und liebreich, was mich besonders freute. Sie hatte jene entsetzliche Nacht nie vergessen, als sie, von den Feinden gefangengenommen, jeden Augenblick den Tod erwartete und nur durch Lenatewas Mut und List gerettet wurde. Sie ging mit ihm spazieren, unterhielt sich vertraut mit ihm, als wären sie Geschwister, und auch er benahm sich so höflich gegen sie wie ein geborener Franzose.

Ihr könnt glauben, dass es für meine Frau kein erfreulicher Anblick war, die beiden zusammen gehen zu sehen.

»Daniel«, sagte sie, »du musst die jungen Leute im Auge behalten. Ich glaube beinah‘, Lucy hat sich in diesen Indianer verliebt und könnte imstande sein, mit ihm davonzulaufen.«

»Welche Idee!« entgegnete ich, doch das beruhigte sie nicht, und ich war genötigt, ihretwegen die beiden zu beobachten. Wohin sie auch ihre Spaziergänge nahmen, folgte ich ihnen, die Büchse in der Hand. Ich tat dies lediglich Betsy zu Gefallen, weil sie es wünschte und ich stets gern ihre Wünsche erfüllt hatte; aber wäre der Bursche mit dem Mädchen wirklich fortgelaufen, ich hätte nicht auf ihn geschossen. Meiner Ansicht nach wäre Lenatewa ein ebenso guter Mann für meine Tochter geworden wie jeder andere. Soweit sollte es aber leider nicht kommen.

Eines Tages, nachdem er fast eine Woche bei uns zugebracht hatte, sprach er ein paar leise Worte zu Lucy, die darauf ihren Hut nahm und mit ihm hinausging. Ich befand mich gerade in der oberen Kammer, die eher zum Zufluchtsort bei Annäherung der Indianer als zum alltäglichen Aufenthalt bestimmt war.

»Daniel«, rief meine Frau plötzlich, und aus dem Tonfall ihrer Stimme konnte ich erraten, was sie mir sagen wollte. Ich war jedoch gerade im Begriff, etwas anderes zu tun, auch war es mir, wie schon gesagt, unangenehm, hinter einem Freund herzuschleichen. Ich begnügte mich daher damit, die beiden durch eine der Schießscharten zu beobachten.

In der Tat fürchtete ich weder von Lenatewa, noch von meiner Tochter, dass sie einfach durchbrennen könnten, und obwohl Lucy ihn liebreich behandelte, hielt ich dies für eine natürliche Folge ihres sanften Gemüts und der Verpflichtung, die sie ihm für alles, was er für uns getan hatte, schuldete. Und als ich sie auf und ab wandern sah, kam mir immer aufs Neue der Gedanke, was für ein hübsches Paar sie abgeben würden.

Beide waren stattlich und schlank, und ein schöneres Mädchen als Lucy lebte in der ganzen Niederlassung nicht. Auch Lenatewa hatte das edelste und schönste Äußere, das ich je bei einem Wilden gesehen habe, denn ein besonnener Indianer ist ein so edles Geschöpf, wie es der liebe Gott nur erschaffen hat. So stolz, so kühn, so keck in allen seinen Bewegungen, immer als ob er im Begriff sei, irgendeine große Tat zu vollführen und dabei wisse, dass die ganze Welt ihr Auge auf ihn gerichtet habe. Ich wusste überdies, dass Lenatewa nicht nur so edel erschien, sondern es auch wirklich war.

Wie sie so nebeneinander gingen, den Kopf etwas geneigt, zuckte mir durchs Hirn: Wie, wenn er ihr gerade jetzt seine Gefühle enthüllte, wenn auch sie ihn lieber hätte als sonst jemand auf der Welt? Und wenn sie in dieser Hinsicht meine Meinung teilte?

Ich dachte ferner: Gibt es einen schöneren Anblick im Leben, als ein junges Paar, dessen gegenseitige Liebe mit aller Wärme erwacht ist, und das, beseelt von diesem Gefühl, in der Unschuld seiner Herzen unter dem Schatten so hoher, herrlicher Bäume dahin wandelt?

Ich setzte mich nieder, legte meine Büchse auf die Knie und folgte ihnen bewegt mit meinen Blicken, bis mir Tränen in die Augen traten. Ich sah, wie sie auf und ab gingen, sah, wie Lenatewa beim Reden seine Hand bewegte, was angesichts der äußeren Ruhe des Indianers nicht häufig der Fall ist, und überlegte, was ich beschließen solle, wenn er wirklich Lucy zur Frau begehre und sie ihm nicht abgeneigt sei. Was sollte ich tun? Konnte ich sie ihm abschlagen? Und konnte ich »Ja« sagen, wenn Betsy »Nein« wollte?

Während mich diese Gedanken beschäftigten, hatte ich die jungen Leute aus dem Blickfeld verloren; da hörte ich plötzlich einen lauten Schrei und einen gellenden Ruf, als hätte ihn Lenatewa ausgestoßen. Ich sah schnell um mich, erstarrte aber beinahe angesichts des Anblicks, der sich mir bot.

Lucy lag ausgestreckt auf dem Boden, und Lenatewa taumelte wie tödlich verwundet zurück, während ein anderer Indianer, seinen Tomahawk schwingend, auf ihn zustürzte und einmal, zweimal, dreimal den Kopf des unglücklichen jungen Häuptlings traf. Aus der schwarzen Färbung seines Gesichts, dem roten Kreis um die Augen und der Adlerfeder im Haar erriet ich, dass es Olschottee war, der den Tod seines Vaters und seine Rache nicht vergessen hatte – und wann vergäße dies je ein Indianer!

Natürlich saß ich nicht tatenlos da, während ein Freund von mir niedergeschossen wurde und meine Tochter halbtot danebenlag. Blitzschnell riss ich die Büchse an die Wange, und der Angreifer bekam den bleiernen Boten augenblicklich und fiel in derselben Sekunde mit seinem Opfer.

Ich stieß dann einen Schrei aus, als sei ich selbst ein Wilder, und eilte auf den Platz hinaus, nach meinem Kind zu sehen. Mit Lenatewa war es schon zu Ende, der hatte seinen Abschied für dieses Leben. Zwar zuckte er noch und stöhnte und seufzte und gab Laute von sich, als ob er eine Art Sterbelied singen wollte, man konnte aber nichts mehr verstehen, und nach kurzem Krampf und Zittern war der Todeskampf vorbei.

Meine Kugel hatte schneller gewirkt, denn Olschottee lag, als ich zu ihm kam, tot und starr da wie eine Ratte.

Lucy war nicht verwundet, weder durch Kugel, noch durch Tomahawk – das Herz hatt’ es ihr aber getroffen, und ob es nun der Schock gewesen war oder sie noch tiefere Gefühle für den jungen Häuptling gehabt hatte, als wir beide ahnten, weiß ich nicht zu sagen, und ich war nie Manns genug, sie zu fragen. Sie lachte jedoch nie mehr und blieb unverheiratet, soviel ist sicher, und hatte doch öfter – und so gute – Gelegenheit dazu gehabt wie jedes andere Mädchen in der Ansiedlung.

Aber Ihr habt sie ja selbst gesehen – und ist sie nicht eine Schönheit? Und – wenn ich’s auch selber sage – die wahre Blume des Waldes?

 

 

William Gilmore Simms

William Gilmore Simms (Ausschnitt aus einem Ölgemälde eines unbekannten Künstlers)

William Gilmore Simms: Wigwam und Blockhaus - Cover

Eine kurze Einführung zu William Gilmore Simms gibt es hier. Und für Neueinsteiger geht es auf diesem Weg zum 1. Kapitel.

Der Text folgt weitgehend der 2002 erschienenen Buchausgabe „Wigwam und Blockhaus“ von William Gilmore Simms. Die Grundlage ist die Übersetzung von Friedrich Gerstäcker aus dem Jahr 1846. Sie wurde sorgfältig durchgesehen, gelegentlich verbessert bzw. behutsam um die kleine Staubschicht auf der Sprache von vor 170 Jahren bereinigt, eventuell von Gerstäcker vorgenommene kleinere Kürzungen wurden wieder rückgängig gemacht. Das Copyright dieser Textfassung liegt beim Herausgeber Michael Klein.

William Gilmore Simms: Lenatewa – 7. Kapitel

William Gilmore Simms - Lenatewa (Header)

7. Kapitel

Welch ein grässlicher Anblick dies für einen Vater ist, kann lediglich ein Vater begreifen.

Da lag ich auf meinen Händen und Knien unbeweglich, fast be­sinnungslos, und es verging fast eine halbe Stunde, in der ich völlig erstarrt dalag. Nur die großen Tränen, die langsam mei­nen Augen entquollen, bewiesen, dass noch Leben in mir war. Ich versuchte zu beten, aber ich vermochte es nicht. Ich konnte meinen Blick nicht abwenden von jenem Platz, an dem mein Kind saß, und ich wurde immer stärker davon überzeugt, dass Handeln von meiner Seite aus fruchtlos bleiben müsse. Was konnte ich, ein einzelner Mann, nur mit Büchse und Messer bewaffnet, gegen die Übermacht ausrichten? Und hätte ich auch den stärksten jener Burschen niedergeschossen – wozu? Es wäre lediglich unnütz Blut geflossen, und ich hätte ja diese roten Teufel so gern in alle Ewigkeit leben lassen, wäre nur meine Tochter gerettet gewesen.

Was tun? Zum Blockhaus zurückkehren? Wusste ich denn, ob noch eine Seele am Leben war, oder ob nicht die Indianer schon dort gewesen waren? Und wohin sonst konnte ich mich um Hilfe wenden? Nirgends, nirgends als zu Gott! Ich stöhnte – so laut, dass ich zu fürchten begann, man höre mich. Allesamt waren indes eifrig mit dem Essen beschäftigt. Nur die unglückliche Lucy in ihrer Mitte saß so bleich, so verzweifelnd da, wie ich sie schon vor elf Jahren gesehen hatte.

Ich wandte mich ab. Ich konnte den Anblick nicht länger ertragen, ging den Hügel hinunter und warf mich zu Boden, ächzte und raufte mein Haar, als ob mir das etwas geholfen hätte.

In diesem Zustand berührte mich eine Hand.

Ich sprang auf und schwang meine Büchse, um den Fremden sogleich mit dem Kolben zu erschlagen – doch seine Stimme hielt mich zurück.

»Bruder«, sagte er, »ich Lenatewa.«

Die sanfte Weise, in der er redete, überzeugte mich, dass er es gut meinte. Ich reichte ihm die Hand. Tränen entströmten meinen Augen, mein Herz war wie gebrochen, und nur schweigend konnte ich zum Hügel deuten und ausrufen:

»Mein Kind, mein Kind.«

»Sei Mann«, sagte er, indem er mich fortzog, »komm!«

»Willst du sie retten, Lenatewa?«

Er antwortete nicht, führte mich aber zum kleinen Teich und zeigte auf den alten Baum, wo ich ihn vor vielen Jahren tödlich verwundet gefunden hatte. Ich wusste, er wollte mir damit andeuten, dass er nicht vergessen habe, was ich einst für ihn tat, und dass er mir helfen werde, wo er nur könne. Das genügte mir freilich nicht. Ich musste wissen, was er zu tun beabsichtigte und welche Hoffnungen er hegte. Aus der Vorsicht, die er walten ließ, mich vom Lager weg zu führen, konnte ich schließen, dass er jene Indianer nicht anführte.

Er fragte mich, ob ich die Bemalung jener Krieger nicht beobachtet hätte. Ich hatte aber nichts gesehen als mein Kind. Dann erfuhr ich, dass es die Partei seines Onkels, jenes schwarzen Häuptlings sei, der ihn vor Jahren hatte ermorden wollen und der von seines Vaters Anhängern erschossen wurde; dass jene ferner seine tödlichsten Feinde wären und jetzt vom Sohn seines Onkels befehligt würden, der geschworen habe, den Tod des Vaters an Lenatewa zu rächen.

Alles dies teilte er mir in wenigen Minuten mit und machte mir dabei begreiflich, dass wir mein Kind nur durch List befreien könnten.

Er hatte zwei Begleiter bei sich, die schon Vorbereitungen dazu trafen. Was dies aber für Vorbereitungen waren, darüber erklärte er sich nicht, und ich musste all meine Geduld zusammennehmen, um sein Handeln abzuwarten – in meiner gegenwärtigen Gemütsverfassung wahrhaftig keine leichte Aufgabe, denn so schnell der Indianer im direkten Gefecht ist, so vorsichtig, kalt und langsam bewegt er sich, wenn es um eine List geht.

Nach einer Weile führte mich Lenatewa um den Hügel herum in eine Schlucht, die mir bis dahin völlig unbekannt gewesen war. Hier standen zu meinem Erstaunen nicht weniger als zwölf Pferde angebunden, die die roten Teufel am selben Tag aus den Niederlassungen gestohlen hatten. Das meinige war auch darunter, was ich jedoch erst entdeckte, als Lenatewa darauf zeigte.

»Dies ihn bald in Bewegung setzen«, sagte er, indem er auf mein Pferd deutete, wodurch ich einen Teil seines Plans erriet. Er wollte aber nicht, dass ich dabei mithalf – jetzt wenigstens noch nicht –, und trug mir auf, das Feuer auf der Höhe zu beobachten, da die Schlucht am Fuß des Hügels lag, auf dem die Indianer lagerten. Gleich einem Schatten bewegte er sich nun weiter, und zwar derart leise und vorsichtig, dass ich bekennen muss, dass ich – obwohl ich mich für einen geschickten Späher hielt – verglichen mit ihm doch nur ein Stümper gewesen wäre.

Schnell hatte er mein Pferd losgebunden, führte es langsam durch die Schlucht um den Fuß des Hügels und halb die gegenüber liegende Anhöhe hinauf. Der Wind wehte vom Lager her, weshalb sie nicht das leiseste von uns ausgehende Geräusch hören konnten; sie schienen aber auch nicht im mindesten darauf zu achten, und doch war ich nie im Leben so voller Angst gewesen wie gerade jetzt.

Ich war nun Lenatewa gefolgt und traf ihn an jenem Ort, wo er das Pferd befestigt hatte, einige hundert Schritte von den Indianern entfernt, auf dem Weg dem Blockhaus zu. Die Schlucht, in der sich die gestohlenen Pferde befanden, musste jenseits des Lagers liegen, woraus ich seinen Plan zu erraten glaubte.

Seine beiden Begleiter stießen zu ihm, einer nach dem andern, und gaben ihm in ihrer Sprache einen langen Bericht. Er teilte mir daraufhin mit, dass drei meiner Gefährten skalpiert worden, der vierte, Hugh Darling, aber entkommen sei; dass dieser die Leute im Blockhaus gewarnt habe und dass Lucy auf meiner Besitzung gefangengenommen worden war, zu der sie ohne Begleitung gegangen sei.

Lenatewa sagte mir, was er zu tun gedenke und auf welche Weise ich mich verhalten solle. Er entfernte sich dann mit seinen Begleitern, und als ich glaubte, sie könnten sich der Schlucht ziemlich genähert haben, schlich ich leise dem Lager zu.

Als ich es bis auf etwa fünfundzwanzig Schritt Entfernung erreicht hatte, hielt ich es für ratsam, ruhig liegen zu bleiben und zu warten. Ich konnte jedes Gesicht unterscheiden, und mein armes Kind totenbleich in ihrer Mitte.

Meine Geduld wurde auf keine lange Probe gestellt, denn bald entstand ein entsetzlicher Lärm unter den gestohlenen Pferden. Ich muss an dieser Stelle anmerken, dass ein Pferd einem Indianer so wertvoll ist wie die Geliebte dem weißen Mann; kaum vernahmen also die Lagernden das Getöse, sprangen sie eiligst auf und jeder lief, schnell nach seinem Pferd zu sehen. Nur ein einziger blieb zurück, den Tomahawk über dem Kopf meines armen Kindes schwingend, als wolle er sie jeden Augenblick erschlagen. Ich konnte die Ärmste beim Schein der Flamme genau erkennen – wie sie in ihrer Todesangst die Hände faltete und betete, da sie jetzt den tödlichen Schlag erwartete.

So sehr es in meinem Innern kochte, musste ich mich doch zurückhalten, bis das Geräusch der Davongeeilten sich verlor. Dann zielte ich auf die Brust des Indianers, der mein Kind bewachte.

Ich zitterte und zog das Gewehr zurück. Ich wusste, dass ich nur den einen Schuss hatte, und wenn dieser fehlging oder nicht tödlich traf, würde der Wilde mit seiner letzten Kraft den Tomahawk in ihrem Schädel begraben.

Ich legte wieder an und fühlte mich mit einem Mal sicher. In diesem Augenblick hörte ich das Geräusch von Menschen und Pferden, weit in der Ferne, und wusste, dass der rechte Moment gekommen war. Die Kugel traf ihr Ziel, und als ich mit dem Messer vorsprang, das Todeswerk zu vollenden, fand ich das bereits getan.

Ich zerschnitt die Bande, die mein Kind an einen Baum fesselten, und sie fiel mir um den Hals und konnte nur die Worte »mein Vater« schluchzen. Einen Augenblick hielt sie mich umschlungen, und mit welchen Gefühlen brauche ich wohl nicht zu sagen.

Dann flohen wir zum bereitstehenden Pferd, und hat das alte Tier seine vier Knochen je gebraucht, war es an diesem Abend. Nach einem scharfen Ritt kamen wir am Blockhaus an, und die arme Betsy freute sich närrisch, ihr Kind und mich, die sie beide schon verloren geglaubt hatte, noch mit natürlichem Skalp zu sehen und an ihr Herz pressen zu können.

Fortsetzung folgt.

Eine kurze Einführung zu William Gilmore Simms gibt es hier. Und für Neueinsteiger geht es auf diesem Weg zum 1. Kapitel.

Der Text folgt weitgehend der 2002 erschienenen Buchausgabe „Wigwam und Blockhaus“ von William Gilmore Simms. Die Grundlage ist die Übersetzung von Friedrich Gerstäcker aus dem Jahr 1846. Sie wurde sorgfältig durchgesehen, gelegentlich verbessert bzw. behutsam um die kleine Staubschicht auf der Sprache von vor 170 Jahren bereinigt, eventuell von Gerstäcker vorgenommene kleinere Kürzungen wurden wieder rückgängig gemacht. Das Copyright dieser Textfassung liegt beim Herausgeber Michael Klein.

 

William Gilmore Simms: Lenatewa – 6. Kapitel

William Gilmore Simms - Lenatewa (Header)

6. Kapitel

Alles gestaltete sich für uns nun glücklich. Lenatewa bewog den alten Micco rasch zum Frieden, der lediglich in die Feindseligkeiten eingewilligt hatte, weil jener schwarze Häuptling – ein Onkel des jungen Micco, der auch seine ganz eigenen Gründe gehabt hatte, ihn aus dem Weg zu räumen – ihm gesagt hatte, Lenatewa sei von den Weißen ermordet worden. Dies hatte den alten Häuptling zur Verzweiflung und zur Wut gegen uns gebracht. Als er nun die Wahrheit erfuhr und sah, wie freundlich wir seinen Sohn behandelt hatten, wusste er nicht genug zu danken. Er schwor, mein Freund zu bleiben, solange die Sonne scheinen, die Gewässer fließen und die Berge stehen würden, und ich glaube, der gute Alte hätte seinen Schwur gehalten, wenn er so lang gelebt hätte. Er hielt ihn jedoch bis zu seinem Tod, und ebenso sein Sohn, der ihm als Micco Glucco folgte.

Jahre vergingen, und wenngleich häufige Feindseligkeiten zwischen den Indianern und den Weißen stattfanden, berührten sie doch niemals unsere Niederlassungen. Lenatewa hatte seinen Totem an unsere Bäume gemacht, wodurch die Indianer wussten, dass diese Gegend unverletzbar sei.

Nach einem Zeitraum von elf Jahren indes wurde es anders. Der junge Häuptlingssohn schien unsere Freundschaft vergessen zu haben, und wir sahen ihn jetzt nie mehr unter uns. Unglücklicherweise hatten einige unsrer jungen Leute drei junge Krieger vom Ripparee-Stamm getötet, die beim Pferdediebstahl ertappt worden waren. Mich erfüllte das mit Besorgnis, denn ich fürchtete die Folgen, die uns dann tatsächlich erreichten. und zwar zu einem Zeitpunkt, an dem wir es am wenigsten erwarteten.

Ich hatte alle Ursache zu hoffen, dass Lenatewa den Krieg von meiner kleinen Familie entfernt halten würde, dachte aber freilich nicht daran, dass er nur Häuptling eines Teilstammes und keineswegs der des ganzen sei. Der jetzige Krieg war allgemeiner Natur, und das gesamte Volk der Cherokesen war unter Waffen. Es leben auch wohl noch manche, die sich jenes schrecklichen Krieges erinnern und daran, wie die Bewohner Carolinas die Indianer zuletzt demütigten; doch ist hier nicht der Platz, von all dem Blutvergießen, von denen, die skalpiert wurden, und vom Elend, das Junge und Alte, Männer, Frauen und Kinder erlitten, zu reden.

Unsere Niederlassung war immer weitläufiger geworden, so dass wir endlich ein ansehnliches Blockhaus errichten mussten und dies mit Vorrat aller Art versahen, um uns im Notfall dahin zurückziehen zu können. Das taten wir, als wir durch unsere Späher erfuhren, dass sie Spuren der Indianer entdeckt hatten, und ließen dort unsere Frauen und Kinder unter einer sicheren Wache. Am Tage bestellten wir dann unser Feld und kehrten nachts zu unsern Familien zurück.

Auf diese Weise verlebten wir etwa fünf Wochen, ohne durch den Feind beunruhigt zu werden. Die Zeichen seiner Nähe verschwanden allmählich wieder, und wir glaubten, der Sturm sei glücklich vorübergezogen, ja vielleicht durch Lenatewas alte Freundschaft von uns abgewendet.

Dadurch ermutigt, ließen wir in unserer Wachsamkeit nach, die Männer brachten auch die Nächte auf ihren Besitzungen zu, und tags nahmen sie ihre Frauen, ja einige selbst die Kinder mit dorthin. Ich riet ihnen zu größerer Vorsicht, doch sie lachten mich aus und meinten, ich fange an, alt und furchtsam zu werden. Ich dachte zwar: »Wartet nur und seht dann, wer zuerst furchtsam ist«, da ich indes bei meinem Umherstreifen selbst auch keinen Indianer mehr entdeckte, fing ich an, die Meinung der übrigen zu teilen und nahm Betsy dann und wann mit mir auf unsre Besitzung – doch hielt sie vor mir geheim, dass sie einige Male mit Lucy allein, ohne irgendeinen männlichen Schutz, dorthin gegangen sei. Da unser Gehöft kaum eine halbe Stunde vom Blockhaus entfernt lag und wir von den Indianern nichts hörten oder sahen, schien ein solcher Gang nicht allzu gewagt zu sein.

Eines Tages hörten wir, dass sich etwa vier Meilen von den Ansiedlungen entfernt mehrere große Bären im Wald gezeigt haben sollten. Einige von uns – namentlich Simon Lorris, Hugh Darling, Jacob Ransom, William Harkless und ich – beschlossen, sie mit unseren Hunden zu verfolgen. Wir jagten die Bären auch mit Glück, und ich tat den ersten Schuss auf eine große Bärin, die größte, die ich je gesehen habe, verwundete sie leicht und folgte ihr dann eilends ins Dickicht.

Meine Gefährten hetzten den übrigen in verschiedene Richtungen nach und überließen es mir, mit meiner Beute fertig zu werden.

Mein armer Clinch war tot, und ich hatte jetzt zwei junge Hunde, Clap und Claw, mit mir, zu denen ich freilich bei einem Angriff des Bären nicht so viel Zutrauen haben konnte. Da ich jedoch das Tier hitzig verfolgte, dachte ich daran gar nicht, bis ich mich im Kampf mit ihm befand.

Ich prahle nicht, wie ihr wisst, aber das war ein Kampf! Der Bär hatte mich mit solcher Gewalt umfasst, dass mein Atem fast stockte, und nur der Gedanke an Betsy und die Kinder verlieh mir so viel Kraft, ihm mein Messer durch den Pelz zwischen die Rippen zu stoßen. Dadurch umklammerte er mich indes noch fester, und es wäre gewiss um mich geschehen gewesen, wenn er nicht eher als ich die Kraft verloren hätte. Erst sank seine Schnauze gegen meine Brust, dann seine Tatzen, und als er mich auf diese Weise losließ, fiel ich wie ein Kind nieder. Das Tier stürzte auf mich, doch kraftlos, ohne mir noch zu schaden. So lag ich fast eine halbe Stunde, der tote Bär neben mir, war aber fast ebenso unfähig, mich zu bewegen, wie er.

Als ich mich wieder erholte und aufraffte, hörte ich von den anderen Jägern nichts mehr. Ich fand mich allein mit meinen Hunden, und die Sonne begann zu sinken. Mein Pferd, das von mir außerhalb des Dickichts angebunden worden war, hatte den Zaum abgestreift und musste meiner Meinung nach entweder grasen gegangen oder nach Hause zurückgekehrt sein.

Diese Entdeckung war nicht gerade erfreulich. Auch wenn ich mich noch elend von der Bärenumarmung fühlte, überlegte ich doch, dass jetzt nicht die Zeit sei, stehen zu bleiben und zu stöhnen. Ich häutete den Bären ab, zerlegte ihn, nahm den Pelz mit mir und bedeckte das Fleisch mit Saumrinde. Darauf pfiff ich den Hunden und wollte mein Pferd suchen, dessen Spur ich tatsächlich eine Zeitlang folgte, bis ich mich sehr ermüdet fühlte. Es schien aus Schreck in vollem Galopp davongeeilt zu sein, und anstatt nach Hause zurückzukehren, war es zur anderen Seite ins Dickicht gelaufen und dann seitwärts abgedreht, bis ich seine Spur verlor. Ich hielt es für sinnlos, meine Verfolgung zu Fuß länger fortzusetzen, und eilte deshalb so schnell wie möglich dem Blockhaus zu.

Dies war indes keine leichte Aufgabe, da ich noch sieben starke englische Meilen wandern musste und die Sonne schon sehr tief stand. Ich überwand aber allmählich die Schwäche nach dem Kampf mit dem Bären, und obwohl mir die Füße müde genug waren, fühlte ich mich doch ansonsten wieder kräftiger. Die ganze Nacht lag ja vor mir, und den Pfad kannte ich genau; folglich setzte ich meinen Weg wohlgemut fort, mich hin und wieder ausruhend, meine Kräfte aufs neue zu sammeln. Ich trug etwas Brot und Zucker in der Tasche, was mich erquickte und für diesen Tag mein ganzes Mittagessen ausmachte.

Der Abend war völlig still, und wenn ich mich auch wunderte. nichts von Jacob Ransom und den anderen Jägern zu hören, beunruhigte mich das doch nicht sehr. Ich dachte natürlich, dass sie ihr Wild bis in weite Entfernung verfolgt haben würden. Noch mit solchen Vermutungen beschäftigt, hörte ich plötzlich einen Schuss, darauf einen zweiten, und dann war alles so still wie vorher. Ich sah nach meiner Büchse, nach meinem Messer und ging etwas schneller vorwärts.

Es mochte etwa eine Stunde verflossen sein, als es recht finster wurde und ich noch etwa vier Meilen vom Blockhaus entfernt sein musste. Der Himmel war ganz umwölkt, kein Stern sichtbar und die Luft feucht und unangenehm. Ich wünschte, sicher zu Hause zu sein, und fühlte mich unbehaglich, fast ebenso beängstigt wie in der Umarmung des Bären, doch war es jetzt nicht physischer Schmerz, sondern Seelenangst. Ich ahnte, dass ein Unglück geschehen sei, und indem mich dieser Gedanke heftig erfasste, stolperte ich über ein menschliches Wesen. Mein Blut erstarrte, als ich mich niederbeugte, seinen Kopf berührte und fühlte, dass er skalpiert worden war. Nun wusste ich, dass Gefahr drohte, und wenn ich auch nicht sicher erkennen konnte, wer der Tote war, vermutete ich doch in ihm einen unserer Jäger.

Hier blieb nichts anderes zu tun übrig, als vorwärts zu eilen. Ich empfand keine Müdigkeit mehr, und beim Gedanken an Frau und Kinder und was aus ihnen geworden sei, fühlte ich Kraft und Verzweiflung genug, jedem, selbst dem ungleichsten Kampf zu begegnen. Ich kann nicht sagen, dass ich feste Vorstellungen hatte, was geschehen war oder was getan werden könne; nein, ich wagte nicht daran zu denken, dass die Indianer beim Blockhaus gewesen sein könnten; aber es kam eine Angst über mich, die mich zu ersticken drohte, wenn ich daran dachte, wie sorglos wir unsere Frauen und Kinder auf unsere Besitzungen hatten gehen lassen. Ich war wie in einem Fieber, bald brennend und heiß, bald kalt und schaudernd, aber immer schneller eilte ich, alle Müdigkeit vergessend, vorwärts.

Jetzt hatte ich jene Hügelreihe erreicht, wo ich vor elf Jahren das sonderbare Lagerfeuer sah, und die Erinnerung daran kehrte lebhafter als je zurück. Während ich aber noch darüber nachsann, was diese wunderbare Erscheinung wohl habe bedeuten sollen, hatte ich die Spitze eines Hügels erreicht, von dem man bei Tage die ganze Gegend, etwa zehn Meilen im Umkreis, übersehen konnte.

Ihr könnt euch denken, wie erstaunt ich war, als ich auf der gegenüberliegenden Anhöhe – derselben, auf der ich damals die Erscheinung sah – jetzt wieder ein Lagerfeuer, aber ein wirkliches, erblickte. Die Flamme glänzte hell, obwohl ziemlich dicht von Buschwerk und Bäumen umgeben, und ich konnte Gestalten unterscheiden, in denen ich rasch Indianer erkannte. Es wurde mir etwas leichter ums Herz, als ich den Feind vor mir sah, weil ich jetzt wusste, was zu tun war. Ich wollte das Lager belauschen, um zu erfahren, was die roten Teufel beabsichtigten oder was sie bereits ausgeführt hatten, war zudem mittlerweile ein besserer Spion und Jäger als vor elf Jahren und glaubte, nahe genug kommen zu können und alles genau zu sehen, ohne mich durch irgendein Geräusch zu verraten. Die Hunde aber musste ich zurücklassen. Anbinden konnte ich sie nicht, denn dann würden sie geheult haben. Ich zog deshalb meinen Jagdrock aus und gab ihn dem einen, meine Mütze und mein Horn dem andern zu bewachen. Ich wusste, dass sie diese Sachen nicht verlassen würden. Dann sprach ich ein kurzes Gebet und schlich leise langsam vorwärts.

Wäre ich diesmal so unbesonnen gewesen wie das erste Mal, ich hätte meine Hütte nicht wiedergesehen; so aber kam ich ohne größere Schwierigkeiten nahe genug, um alles beobachten zu können, und jetzt wurde mir jene Erscheinung vor elf Jahren klar. Ich sah alles so deutlich, wie ich wollte, und deutlicher, als ich wünschte! Ich sah die Indianer das Feuer umlagern, sah die junge Frau in ihrer Mitte, und diese junge Frau war – meine Tochter, mein Kind, meine arme, teure Lucy.

Fortsetzung folgt.

Eine kurze Einführung zu William Gilmore Simms gibt es hier. Und auf diesem Weg geht es zum 1. Kapitel.

Der Text folgt weitgehend der 2002 erschienenen Buchausgabe „Wigwam und Blockhaus“ von William Gilmore Simms. Die Grundlage ist die Übersetzung von Friedrich Gerstäcker aus dem Jahr 1846. Sie wurde sorgfältig durchgesehen, gelegentlich verbessert bzw. behutsam um die kleine Staubschicht auf der Sprache von vor 170 Jahren bereinigt, eventuell von Gerstäcker vorgenommene kleinere Kürzungen wurden wieder rückgängig gemacht. Das Copyright dieser Textfassung liegt beim Herausgeber Michael Klein.

William Gilmore Simms: Lenatewa – 4. und 5. Kapitel

William Gilmore Simms - Lenatewa (Header)

4. Kapitel

Sechs Wochen mochte der Junge auf solche Art bei uns zugebracht haben und fühlte sich mit jedem Tag besser, war aber doch noch zu schwach, als dass er die Ansiedlung hätte verlassen können. Während dieser Zeit nahmen die Unruhen der Indianer zu, und obwohl in unserer Nachbarschaft noch kein Blut vergossen worden war, hörten wir doch von allen Seiten von Morden und Skalpieren und konnten uns darauf gefasst machen, dass auch an uns die Reihe kommen werde. Wir trafen unsere Vorbereitungen, nahmen Munition ein und hielten abwechselnd Wache.

Schließlich schienen sich die Indianer auch unserer Gegend in Menge zu nähern. Jacob Ransom war auf eines ihrer Lager gestoßen, das sie zu diesem Zeitpunkt eben erst verlassen hatten, und es gab Ursache, das Schlimmste zu fürchten, besonders, da sie sich nicht offen sehen ließen, sondern nächtlich von Ort zu Ort zogen und unsere Hütten heimlich umschlichen oder im Dickicht versteckt lagen.

Eines Abends, als ich wie gewöhnlich von Clinch begleitet ausging, die Runde zu machen, und mich erst wenige Schritte von der Pforte entfernt hatte, stand der Hund still und bellte dumpf. – Jetzt wusste ich, dass Gefahr vorhanden sei, wandte mich ruhig um, ohne Eile oder Furcht zu zeigen, und erreichte noch glücklich das Blockhaus. Doch kaum hatte die Tür geschlossen, als die Indianer herbeistürmten, wütend, dass ihr Vorhaben, mich zu überraschen, misslungen war. Nur der scharfen Witterung meines treuen Clinch hatte ich es damals zu verdanken, dass ich und die meinigen die Sonne wieder aufgehen sahen.

Als die Wilden merkten, dass ihr Überfall missglückt war, erhoben sie ein gellendes Kriegsgeschrei, ein Zeichen, dass sie uns nun vollständig belagern würden. Bei diesem Geschrei erglänzten die Augen des Jungen, und er spitzte die Ohren wie ein Hund, der zuerst eine Spur des Wildes wittert oder das Horn des Jägers vernimmt. Ich beobachtete ihn genau und war im Zweifel, was ich tun solle; konnte er nicht, während ich gegen den äußeren Feind kämpfte, hinter meinem Rücken meine Frau und Kinder erwürgen? – Ich sagte euch nicht, dass ich am Ufer des Teichs, wo ich ihn fand, auch seinen Bogen und Pfeile aufgenommen hatte, und sein Jagdmesser steckte damals in seinem Gürtel. Sollte ich ihm nun seine Waffen nehmen? Und nahm ich sie, konnte ihm dann nicht ein Scheit Holz als ebenso gefährliche Waffe dienen?

In Zeiten der Gefahr drängen sich die Gedanken mit rasender Schnelle an unsrer Seele vorüber; so bestürmten all diese Betrachtungen mein Hirn, während mein Blick auf dem Jungen ruhte. Ich hielt es indes für das beste, ihm wie einem Freund zu vertrauen, da ich mir nicht denken konnte, dass er – nach allem, was wir für ihn getan hatten – falsch sein würde.

»Lenatewa«, sagte ich zu ihm, denn so nannte er sich, »dort sind deine Brüder.«

»Ja«, antwortete er langsam und richtete sich dabei hoch auf, denn er hatte ein stattliches, befehlendes Äußeres, einem Häuptling gleich, als dessen Sohn er sich auch zu erkennen gegeben hatte, »ja, das sind Lenatewas Brüder, soll er zu ihnen gehen?«

Dabei machte er eine Bewegung zum Fortgehen, doch ich hielt ihn zurück, nicht gesonnen, den Vorteil zu verlieren, den mir seine Anwesenheit als Gefangener in die Hände gab.

»Nein«, sagte ich, »nein, Lenatewa, heute Abend nicht, aber morgen, morgen magst du ihnen sagen, dass ich ein Freund und kein Feind bin, damit sie nicht kommen und meinen Wigwam abbrennen.«

»Bruder – Freund«, sagte darauf der Junge, mit Freimütigkeit meine Hand ergreifend. Er ging auch zu meiner Frau, tat dasselbe und wiederholte: »Bruder – Freund.« Ich beobachtete all seine Bewegungen und sagte zu Betsy: »Der Bursche ist redlich, sei ohne Furcht.«

Wir brachten eine schreckliche Nacht zu. Von Zeit zu Zeit ertönte das Kriegsgeschrei der Indianer, und durch die Schießscharten sahen wir, dass sie auf drei verschiedenen Seiten Wachfeuer angezündet hatten, um uns von den übrigen Niederlassungen abzuschneiden und jede Hilfe unmöglich zu machen.

Ich gab mich aber nicht der Verzweiflung hin, sondern arbeitete die ganze Nacht, und obwohl Lenatewa mir nicht half, saß er doch ganz ruhig oder streckte sich neben dem Feuer aus, als ginge ihn die ganze Sache durchaus nichts an. Mit Tagesanbruch aber hatte er jene blutigen Kleider angelegt, in denen ich ihn gefunden hatte. Alles, was ich ihm gab, hatte er beiseite getan, und obwohl seine Jagdkleider, die er jetzt trug, mit Blut und Schmutz befleckt waren, schienen sie doch mit solcher Sorgfalt und solchem Anstand geordnet, als habe er sich vorbereitet, Gesellschaft zu empfangen. Ich muss hierbei erwähnen, dass ein Indianer höherer Abkunft stets eine natürliche Würde und Grazie hat, wie ich sie nie bei einem Weißen gefunden habe.

Er war eifrig damit beschäftigt, durch eins der Schießlöcher zu schauen, und wenn ich auch nicht wusste wodurch, merkte ich doch bald, dass seine Aufmerksamkeit auf eine ganz besondere Weise in Anspruch genommen wurde. Ich entdeckte nun auch, dass er trotz meiner Wachsamkeit Gelegenheit gefunden hatte, sich mit denen draußen in Verbindung zu setzen. Anfangs begriff ich nicht, auf welche Art ihm dies möglich gewesen war, ich hatte aber seinen Bogen und die Pfeile vergessen. Von letzteren musste er einen durch die Schießscharte abgeschossen und daran ein Büschel seines Haupthaars befestigt haben. Die dadurch hervorgebrachte Wirkung war außerordentlich, und wir sahen während einiger Stunden keinen einzigen Indianer. Was sie während dieser Zeit taten, ließ sich nur vermuten, nämlich, dass sie Rat miteinander hielten – dass das Resultat dieser Beratschlagung der Tod eines ihrer Genossen anstatt des unsrigen sein würde, konnten wir nicht ahnen.

Als sich die Feinde wieder zeigten, kamen sie in zwei Abteilungen aus dem Wald hervor; sie hatten sich nicht völlig getrennt, bewegten sich aber doch nicht zusammen. Es schien, als ob sie uneins geworden seien.

Ihre gesamte Anzahl betrug etwa vierzig, von denen acht oder zehn, unter der Führung eines kräftigen, finster aussehenden Häuptlings, etwas abgesondert gingen; dieser hatte sein halbes Gesicht schwarz gefärbt und trug einen roten Kreis um beide Augen. Die anderen folgten einem alten weißhaarigen Häuptling, der mindestens sechzig Winter zählen musste.

Während ich vor einer Schießscharte kniete, um sie zu beobachten, kam Lenatewa zu mir, berührte meinen Arm und sagte: »Micco Lenatewa Glucco« – woraus ich erriet, dass dies der Vater oder Großvater des Jungen sei.

»Gut«, antwortete ich, indem ich zugleich bedachte, das Beste sei womöglich, ihr Vertrauen und ihre Freundschaft zu erlangen, »gut, Lenatewa, gehe zu deinem Vater, erzähl’ ihm, was Daniel Nelson für dich getan hat, und lass uns Frieden schließen. Du siehst, Junge, dass wir wohl kämpfen können, wir haben Waffen und Lebensmittel genug; und mit dieser Büchse könnte ich den Häuptling, deinen Vater, und jenen andern Häuptling, der sich so entsetzlich bemalt hat, niederschießen.«

»Schieß‘ nur«, sagte er schnell, indem er auf den Häuptling zeigte, von dem ich zuletzt gesprochen hatte.

»Ach, ist der dein Feind?«

Der Junge nickte mit dem Kopf und zeigte auf die Wunden an seinen Schläfen und in seiner Seite. Jetzt wurde mir die Sache klar.

»Nein«, sagte ich, »nein, Lenatewa, ich will keinen erschießen. Ich wünsche Frieden. Ich möchte den Indianern nur Gutes erweisen und ihr Freund sein. Geh‘ zu deinem Vater und sag ihm das; geh‘ und mach‘ ihn zu meinem Freund.«

Der Junge ergriff meine Hand, legte mir seine aufs Haupt und sagte: »Gut.«

Ich begleitete ihn bis an die Pforte; doch eh er die Hütte verließ, stand er einen Augenblick still und legte seine Hand auch auf den Kopf der kleinen Lucy. Ich war hierüber erfreut, denn es schien zu sagen: »Dir soll kein Leid geschehen, kein Haar deines Hauptes soll gekrümmt werden.« Ich öffnete ihm dann, schloss hinter ihm zu und eilte zur Schießöffnung zurück.

5. Kapitel

Der Anblick, der mich hier erwartete, war ebenso unerwartet wie fürchterlich. Sobald die Indianer den jungen Häuptlingssohn sahen, erhoben sie lautes Geschrei, doch konnte ich nicht erraten, ob aus Freude oder einem andern Grund.

Er schritt kühn vorwärts, obgleich er noch ziemlich schwach war, und der Anführer an der Spitze der zahlreicheren Partei kam ihm entgegen. Die kleinere Abteilung mit ihrem schwarzen Häuptling, von dem Lenatewa sagte, ich möge ihn erschießen, setzte sich ebenfalls langsam in Bewegung, doch schienen sie unschlüssig, ob sie näherkommen oder fliehen sollten. Ihr Anführer sah etwas verwirrt aus.

Sie hatten indes nicht lange Zeit zu überlegen. Denn als der junge Häuptlingssohn mit seinem Vater zusammengetroffen war und einige Worte mit ihm gewechselt hatte, sah ich, dass Lenatewa mit dem Finger auf den schwarzen Häuptling deutete. Hierauf erhob er seine geballten Fäuste und schien, seinen Bewegungen nach zu urteilen, heftig und erzürnt zu reden. Daraufhin erhoben mit einem Schlag die Anhänger des alten Häuptlings ihr Kriegsgeschrei, und die anderen Indianer fingen an, loszurennen, mit dem schwarzen Häuptling an ihrer Spitze. Er war aber noch kaum zwanzig Schritte weit gekommen, als ihn ein Hagel aus Pfeilen erreichte und zu Boden streckte.

Es war aus mit ihm. Und seine Anhänger zerstreuten sich nach allen Seiten, wurde aber nicht weiter verfolgt. Es schien, als wenn alle Pfeile nur auf ihn allein gerichtet worden wären und, nachdem er getötet war, die Sache beendigt sei. Das Ganze dauerte etwa fünf Minuten.

Fortsetzung folgt: Kapitel 6 demnächst an dieser Stelle.

Eine kurze Einführung zu William Gilmore Simms gibt es hier. Und auf diesem Weg geht es zum 1. Kapitel.

Der Text folgt weitgehend der 2002 erschienenen Buchausgabe „Wigwam und Blockhaus“ von William Gilmore Simms. Die Grundlage ist die Übersetzung von Friedrich Gerstäcker aus dem Jahr 1846. Sie wurde sorgfältig durchgesehen, gelegentlich verbessert bzw. behutsam um die kleine Staubschicht auf der Sprache von vor 170 Jahren bereinigt, eventuell von Gerstäcker vorgenommene kleinere Kürzungen wurden wieder rückgängig gemacht. Das Copyright dieser Textfassung liegt beim Herausgeber Michael Klein.

William Gilmore Simms: Lenatewa – 3. Kapitel

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3. Kapitel

Werdet ihr mir glauben, wenn ich euch sage, dass hier keine Indianer, kein Feuer, keine junge Frau zu sehen waren?

Ich stand auf dem Platz, auf dem ich noch vor einem Augenblick die Flammen gesehen hatte – er war leer! Keine Spur eines Feuers, wohin ich auch blickte. Unter meinen Füßen raschelten dürre Blätter wie überall im Wald. Ich war wie betäubt, gleich einem, der durch einen sonderbaren Traum aus dem Schlaf geweckt wird. Alles um mich her war still und dunkel. Die Sterne, die über mir funkelten, verbreiteten das einzige Licht, aber ich fühlte mich noch entsetzter als vorher und empfand tief die Wahrheit, dass – wo menschliche Kraft uns verlässt – wir nur bei Gott Stärke finden können. Ich kniete nieder und betete – zum zweiten Mal in dieser Nacht, und vielleicht zum zweiten Mal im Wald überhaupt.

William Gilmore Simms: Wigwam und Blockhaus - CoverDanach fühlte ich mich beruhigter und nahm die Überzeugung mit mir, dass ich diese Erscheinung nicht ohne Grund gehabt hatte. Als ich mich auf den Heimweg begab, wurde Clinch munter und spitzte die Ohren. Ich klopfte ihm den Rücken und hielt mein Messer in Bereitschaft; vielleicht galt seine Aufmerksamkeit einem Panther, dessen Spur er in großer Entfernung witterte. Da er aber keine Furcht, sondern nur eine größere Lebhaftigkeit zeigte, wusste ich, dass nichts Gefährliches in der Nähe sein könne.

Einen Augenblick darauf sprang er schnell voraus, ich folgte ihm und vernahm, nachdem ich etwa zwanzig Schritt den Hügel hinab in eine Senke geeilt war, ein leises Stöhnen. Ich verdoppelte meine Schritte und gelangte am Ende dieser Niederung an eine Art Teich. Clinch lief darauf zu, und ein zweites Stöhnen ließ mich dieselbe Richtung nehmen. Als ich den Hund erreichte, stand er am Fuß eines alten, halb im Wasser versunkenen, umgestürzten Baums, ich sprang darauf und erblickte, nachdem ich einige Schritte vorwärts tat, ein menschliches Wesen, auf dem Stamm liegend, das Haupt nieder- und die Beine im Wasser hängend. Ich rief Clinch zurück und näherte mich dem Geschöpf, dessen Stöhnen wieder anhob.

Als ich seinen Kopf, sein Haar berührte, wusste ich, dass es ein Indianer war. Meine Finger klebten am Blut, mit dem er bedeckt war, und als ich versuchte, sein Haupt zu wenden, um sein Gesicht zu sehen, stöhnte er heftiger. Hier war keine Zeit zu verlieren, ich bückte mich zu ihm hinab, stemmte meine Füße fest auf den alten Baum, der glatt und schlüpfrig war, und brachte den armen Burschen ohne große Mühe von seinem Platz. Er war nicht schwer, ein Junge von etwa vierzehn bis fünfzehn Jahren – umso unbegreiflicher kam es mir aber vor, ihn in diesem Zustand zu finden. Ich legte ihn aufs trockene Laub nieder, worauf sein Stöhnen verstummte.

Anfangs glaubte ich, er sei jetzt tot, ich fühlte nach seinem Herzen, das aber noch matt zu schlagen schien. Die nächste Frage war: Was nun weiter beginnen? Es war spät in der Nacht, und da ich den ganzen Tag auf den Füßen gewesen war, hielt ich es kaum noch für möglich, selbst beim besten Willen, fähig zu sein, eine solche Last zu meiner Wohnstatt zu tragen. Ihn aber hier lassen hieß, ihn dem sicheren Tod preiszugeben. Wenn ich einen Sohn in vergleichbarer Lage hätte, dachte ich, was würde ich wohl von dem denken, der erst heimgehen und das Tageslicht zu seiner Hilfe abwarten wollte!

Nein, rief ich aus, möge es gehen, wie es wolle, ich verlasse den Jungen nicht! Ich schnürte meinen Gurt fester, nahm meine ganze Kraft zusammen und hob ihn auf meine Schultern.

Meine Hütte war etwa drei Meilen entfernt, und ihr könnt glauben, dass ich keine geringe Mühe hatte, sie mit meiner Last zu erreichen, und nicht wenig ermüdet war, als ich den armen Burschen bei meinem Feuer niederlegte. Ich rief nach Betsy, und wir bemühten uns nun beide, ihn wieder zum Leben zu bringen. Sie schnitt ihm das Haar ab und wusch ihm das Blut vom Kopf, der bis auf den Schädelknochen entweder mit einem Messer oder einem Beil gespalten war. Es schien ein Wunder, dass es nicht bis ins Hirn gedrungen war, denn gezielt war gut genug.

Als wir seine Kleider öffneten, fanden wir eine zweite tiefe Wunde in der Seite, die von einem Messer herrührte. Seine ganze Kleidung war mit Blut getränkt. Da wir aber nicht viel von Heilkunde verstanden, wuschen wir seine Wunden nur mit etwas Rum und Wasser aus und flößten ihm von ersterem ein wenig ein, worauf er anfing, lauter zu stöhnen, ein Beweis, dass mehr Leben in ihn zurückkehrte. Wir rieben seinen Körper mit warmen Tüchern und gaben ihm, als er sich leise zu regen begann, reichlich Wasser zu trinken. Dies schien ihm gut zu tun; wir hüllten ihn dann warm ein, und ich streckte mich an seiner Seite neben dem Feuer hin.

Es würde mich zu lange aufhalten, wenn ich euch erzählen wollte, wie er sich langsam nach und nach erholte. Genug, wir stellten ihn in kurzer Zeit wieder völlig her, ohne gerade mehr für ihn zu tun, als wir im Anfang getan hatten. Er war ein guter Bursche, obgleich zu Anfang sehr scheu, so dass er kaum wagte, uns anzublicken. Ich glaube, wäre er fähig gewesen, die Hütte zu verlassen, würde er es im ersten Augenblick getan haben, an dem er sich wieder bewegen konnte.

Er war aber zu schwach, einen solchen Versuch zu machen, und wurde auch bald durch unsere Freundlichkeit beruhigt. Nach und nach begann er, mit der kleinen Lucy zu spielen, die damals kaum sechs Jahre alt war, und schien dadurch bald am meisten aufgeheitert. Auch das Kind, nachdem es seine erste Furcht überwunden hatte, schloss sich dem Jungen an und spielte so gern mit ihm, als wenn er ein Weißer gewesen wäre.

Er kannte schon anfangs einige englische Worte und lernte schnell, sich auszudrücken; obwohl er für einen Indianer ziemlich mitteilsam war, konnte ich aber doch von ihm nicht erfahren, wie oder von wem er verwundet worden war. Seine Stirn verfinsterte sich, sobald ich davon sprach, und er presste seine Lippen zusammen, als ob er lieber kämpfen als reden möge. Ich drang nicht weiter in ihn, überzeugt, dass früher oder später sich die Sache einmal aufklären werde.

Fortsetzung folgt: Kapitel 4 demnächst an dieser Stelle.

Eine kurze Einführung zu William Gilmore Simms gibt es hier. Und auf diesem Weg geht es zum 1. Kapitel.

Der Text folgt weitgehend der 2002 erschienenen Buchausgabe „Wigwam und Blockhaus“ von William Gilmore Simms. Die Grundlage ist die Übersetzung von Friedrich Gerstäcker aus dem Jahr 1846. Sie wurde sorgfältig durchgesehen, gelegentlich verbessert bzw. behutsam um die kleine Staubschicht auf der Sprache von vor 170 Jahren bereinigt, eventuell von Gerstäcker vorgenommene kleinere Kürzungen wurden wieder rückgängig gemacht. Das Copyright dieser Textfassung liegt beim Herausgeber Michael Klein.

William Gilmore Simms: Lenatewa – 2. Kapitel

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2. Kapitel

Nun meine Freunde – sagte der siebzigjährige Veteran, seine Gestalt aufrichtend und den rechten Arm von sich streckend, während die linke Hand die Mündung seiner mit dem Kolben auf den Boden gestützten Flinte erfasste –, da die Nacht so hell und still war und ich kein Bedürfnis nach Schlaf fühlte, rief ich meinen Clinch und machte mich auf den Weg zu Jacob Ransom. Ich wusste, dass er ein schläfriger Bursche sei, und wenn die Rothäute jemanden unvermutet hätten überfallen können, wäre er es zuerst gewesen.

Ich gestehe indes, dass ich diesen Gang nicht nur seinetwegen, sondern unser aller, ja meiner selbst wegen tat, denn ich konnte mir die Gefahr nicht verhehlen, in der wir schwebten, wenn wir nicht vereint jedem Überfall Trotz böten. Schon der Gedanke, meiner Betsy langes, goldnes Haar um die Hand irgendeines farbigen Teufels geschlungen, die Kinder in seiner Armen zu erblicken, ohne dass ich als einzelner Mann ihnen hätte Hilfe bringen können – schon der bloße Gedanke war eine Hölle, und das Haar sträubte sich mir, wenn ich daran dachte. Ich stand still und betete, zu den Sternen aufblickend, während ich fühlte, dass wir alle in Gottes gnädiger Obhut lebten. Dies beruhigte mich einigermaßen wieder, und ich schritt mit frischem Mut weiter. Obwohl mir übrigens der Pfad bei Nacht so bekannt wie bei Tage war, ging ich doch nicht sehr schnell, weil ich beständig nach Feinden umherspähte.

Als wir nun bis an einen Graben gelangt waren, an dem sich der Weg teilte, indem der eine über die Hügel, der andere durch die Niederungen führte, wählte ich, ohne weiter darüber nachzudenken, den über die Hügel, obwohl er der längere war.

Wir gingen weiter, ich voran, Clinch dicht hinter mir. Er war ein ausgezeichnet guter Hund, von scharfer Witterung, doch schien jetzt nichts seine Aufmerksamkeit zu wecken. Der Hügel, den wir erstiegen, dehnte sich ziemlich steil empor, und als ich den armen Clinch ansah, der ermüdet schien, fiel mir ein, dass wir schon seit Tagesanbruch im Wald herumstreiften und dass das arme Tier müde und hungrig sein müsse; wir hatten indes schon den halben Weg zurückgelegt, und ich war nicht geneigt umzukehren, bis ich Jacob meine Meinung mitgeteilt hatte.

Als ich den Gipfel des Hügels erreichte, stand ich still und rieb mir die Augen, hatte auch alle Ursache dazu, denn ich erblickte in einiger Entfernung vor mir ein großes Feuer. Zuerst fürchtete ich, es wäre Jacobs Haus, doch besann ich mich bald, dass dieses weiter links gelegen und das Feuer offenbar rechts, mehr nach der Gegend meiner eigenen Wohnung hin sein musste.

Mein Erschrecken war groß, und ich durfte jetzt nicht daran denken, Jacobs Haus aufzusuchen, sondern wandte mich um und lief, von Clinch zögerlich gefolgt, dem Feuer zu. Die Bäume standen lediglich vereinzelt und auch Büsche gab es wenige, so dass wir durch nichts aufgehalten wurden. Mit welcher Angst und Schnelligkeit ich aber auch eilte, schien mir doch, als komme ich nicht von der Stelle – das Feuer brannte immer hell in gleicher Entfernung vor mir.

Ich stand still und sah meinen Hund an; er sah zu mir herauf, doch keiner von uns hatte etwas zu sagen. Schließlich schien mir doch, da ich so weit gelangt war, könne ich die Sache nicht aufgeben, und eilte aufs neue vorwärts. Wir erstiegen mehere kleine Hügel, hinauf und hinab und wieder hinauf, bis wir einen erreichten, den die Indianer Nolleehatchie nennen. Jetzt schien ich dem Feuer nähergerückt zu sein. Es brannte etwa zweihundert Schritt von mir entfernt auf einer kleinen Erhöhung und war ein ziemlich großes Feldfeuer, von mehr als einem Dutzend Indianer umgeben.

Gut, sagte ich mir, die haben uns ja tüchtig überrumpelt. Doch was ist zu tun? Keine Menschenseele in der Ansiedlung weiß Bescheid, und niemand wacht als ich. Wie leicht können die anderen in ihren Betten skalpiert oder von der Feuersbrunst geweckt und beim Versuch, dem Brand zu entkommen, von den Pfeilen der Indianer tödlich getroffen werden!

Kalter Schweiß überlief mich, als ich dies dachte, ich wusste nicht, was beginnen. Ich sah mich nach meinem Hund um und bemerkte zu meinem Erstaunen, dass er sich ruhig hingesetzt hatte, mich und die Sterne anschaute und das Feuer gerade vor uns gar nicht zu beachten schien. Und doch war Clinch ein ausgezeichneter Jagdhund, der die Spur eines Indianers auch aus weiter Entfernung witterte. Er verstand ich mich und wusste, ob er bellen dürfe oder nicht, auch war jetzt der Augenblick, wo er sich hätte still verhalten müssen – aber er schien das Feuer nicht einmal zu bemerken. Mir kam das von einem so klugen Hund ordentlich unnatürlich vor, dass er ganz ohne Aufmerksamkeit, mit schläfrigen, halb geschlossenen Augen dasaß und sich sogar, während ich ihn einigermaßen erzürnt betrachtete, niederstreckte, seine Nase auf die Füße legte und zu schlafen anfing.

Ich wurde derart zornig darüber, dass ich ihn beinahe mit meinem Messer ermordet hätte, doch besann ich mich eines besseren. Ein Hund kann am Ende ebensowenig dem Naturtrieb, der ihn zu schlafen zwingt, widerstehen wie ein Mensch, und dann wusste er ja auch nicht, dass die Indianer nicht mehr freundschaftlich gegen uns gesinnt waren.

So stand ich eine gute Weile da, schaute und wusste nicht, was ich tun sollte – bis ich mich endlich schämte, derart unentschlossen zu sein, und die Notwendigkeit bedachte, jetzt oder später vom Schlimmsten unterrichtet zu werden. Ich entschloss mich daher, so weit wie möglich vorzudringen.

Ich war kein ungeschickter Jäger, wie ihr euch denken könnt, und begann, als ich mich dem Feuer näherte, auf Händen und Füßen zu kriechen, legte mich, wo weder Baum, noch Busch mich verdeckte, platt auf den Boden und bewegte mich auf diese Weise vorwärts, von meinem Hund dicht gefolgt, der übrigens keine besondere Aufmerksamkeit zeigte.

Als ich auf diese Weise langsam näherrückte, schien das Feuer immer größer zu werden, und ich sah die Indianer zahlreich darum gelagert, doch hinderte mich der Rauch, der sie einhüllte, dass ich ihre Gestalten deutlich unterscheiden konnte.

Jetzt war ich an einem Punkt angelangt, von dem aus ich alles genau zu übersehen meinte. Ich hatte mich hinter einem Felsvorsprung verborgen, von dem sie kaum zwanzig Meter entfernt und durch Buschwerk getrennt waren. Es vergingen indes mehrere Minuten, bis es mir möglich war, durch den wirbelnden Rauch ihre Bewegungen zu erkennen, und als ich sie endlich deutlich sah, erschütterte mich der Anblick in tiefster Seele. In der Mitte dieser Rothäute stand ein weißes Wesen, und diese Wesen schien eine Frau zu sein.

Ich täuschte mich nicht. Da saßen die Indianer, einige mit dem Rücken gegen mich gewandt, andere mit dem Gesicht mir zugekehrt, und dort ein wenig seitwärts, aber in ihrer Mitte, saß eine Frau. Wenn der Rauch für Momente fortgeweht wurde, sah ich ihr weißes Antlitz wie einen hellen Stern durch dunkle Wolken schimmern; sie erschien mir aber so totenbleich, dass mich der Gedanke erfasste, der Schreck hätte sie getötet. Ich überzeugte mich freilich bald, dass dies nicht der Fall war, denn sie saß lediglich ruhig da und blickte ihre Umgebung an. Die Indianer waren regungslos, sie lehnten oder lagen in derselben Stellung, in der ich sie zuerst gesehen hatte, bewegten sich nicht, sprachen nicht, waren starr wie der Stein, über den ich mich lehnte. Ich vermochte kein Gesicht unter ihnen zu erkennen, obwohl ich ihre Gestalten, eingehüllt in Büffelhäute und Tücher, genau unterscheiden konnte. Ihre Züge blieben durch Rauch und Dunkelheit verborgen. Die Frau sah ich aber deutlich. Sie schien sehr jung, etwa fünfzehn Jahre zu sein, und es war mir, als müsse ich sie kennen. Sie war schön, ihr Haar hing aufgelöst über ihre Schultern. Mein Herz schlug heftiger, je länger ich sie ansah. Ich hätte für sie sterben mögen und fühlte doch nicht Kraft genug, meine Flinte von der Schulter zu nehmen.

Das Wundersamste bei der ganzen Sache war die vollständige Regungslosigkeit der Indianer. Kein Wort wurde gesprochen, nichts rührte sich – es war, als wären sie bloße Bilder, die das Mädchen anstarrten und ihrerseits von dem Mädchen angestarrt wurden.

Nie zuvor im Leben fühlte ich mich derart von Furcht und Schwäche gelähmt. Was sollte ich tun?

Ich war so nahe herangekommen, dass ich mit einem Wurf jedem der Versammlung hätte mein Messer ins Herz schleudern können, hatte aber nicht den Mut, es zu tun. Ohne mich zu besinnen, wo ich mich eigentlich befand, fing ich an, wie ein Kind zu weinen. Aber auch mein Weinen veranlasste sie nicht, sich umzublicken, nur mein guter Hund sprang sogleich winselnd an mir herauf, als wolle er mich trösten. Ich versuchte nun, ihn auf die Lagernden zu hetzen, er schien mich aber nicht zu verstehen. Meine Verzweiflung stieg zu einer Art Wahnsinn, und ich sprang vorwärts mitten in die Versammlung hinein, fest entschlossen, lieber zu sterben, als noch länger in diesem qualvollen Zustand des Entsetzens zu verharren.

Fortsetzung folgt: Kapitel 3 demnächst an dieser Stelle.

Eine kurze Einführung zu William Gilmore Simms gibt es hier. Und auf diesem Weg geht es zum 1. Kapitel.

Der Text folgt weitgehend der 2002 erschienenen Buchausgabe „Wigwam und Blockhaus“ von William Gilmore Simms. Die Grundlage ist die Übersetzung von Friedrich Gerstäcker aus dem Jahr 1846. Sie wurde sorgfältig durchgesehen, gelegentlich verbessert bzw. behutsam um die kleine Staubschicht auf der Sprache von vor 170 Jahren bereinigt, eventuell von Gerstäcker vorgenommene kleinere Kürzungen wurden wieder rückgängig gemacht. Das Copyright dieser Textfassung liegt beim Herausgeber Michael Klein.

William Gilmore Simms: Lenatewa – 1. Kapitel

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1. Kapitel

An der Grenze zwischen Nord- und Süd-Carolina leben wahrscheinlich noch einige betagte Leute, die sich des alten, ehrwürdigen Daniel Nelson erinnern, der, hoch an Jahren, um 1817 herum dort lebte. Zu jener Zeit zog er von da fort nach Mississippi, wo er, wie wir glauben, innerhalb dreier Monate, nachdem er seinen Wohnort geändert hatte, starb, einem alten Baum ähnlich, der keine Verpflanzung mehr erträgt, sondern eingeht. Daniel kam in seiner Jugend aus Virginia und war einer der ersten, die sich in den südlichen Grenzgebieten Nord-Carolinas niederließen und später in jener Gegend den größten Teil ihres Lebens verbrachten.

Zu jener Zeit war nicht nur das ganze Land Wald, sondern auch noch von vielen Indianern bewohnt, und mehrere Stämme hatten dort ihr bevorzugtes Jagdrevier. Dieser Umstand schreckte indes Nelson nicht ab. Er selbst war noch ein kräftiger, breitschultriger junger Mann mit feurigem Auge und gleich feuriger furchtloser Seele, und er hatte – wenn auch wenige –- Gefährten, die ihm in all diesem kaum nachstanden, denn der Geist des alten Daniel Boone war damals verbreiteter, als man wohl glaubt. Das Abenteuer lockte ihre Herzen, die Gefahr schien sie in ihrem Leben nur noch zu bestärken und die Härten und Mühsal ihr kräftiger Körper gerade zu beghren.

Nachdem sie die Gegend durchstreift, Wild in Massen erlegt, Bären und Büffel, Rehe und Truthähne, die es zu jener Zeit im Überfluss gab, gekostet hatten, kehrten sie noch einmal zurück, um sich das Nötigste für einen tapferen Waldbewohner zu holen, nämlich eine gute, muntere, furchtlose Frau, die – dem Weib in der Schrift gleich – dem Mann ihrer Neigung folge, wohin er auch gehe. Diese jungen, kühnen Jäger fürchteten sich nicht, in Gegenden, die so entfernt vom sicheren Schutz der Zivilisation waren, eine Heimat zu gründen. Sie hatten mit den Indianern Bekanntschaft und eine Art Freundschaft geschlossen, doch mag sie das Bewusstsein ihrer stärker befestigten Behausungen, ihres größeren Mutes und ihrer besseren Waffen verführt haben, ein wenig zu gering von den Wilden zu denken, ohne sich deshalb doch in trügerischer Sicherheit zu wiegen. Ihre Blockhäuser waren darauf eingerichtet, sich im Notfall in Festungen zu verwandeln; auch wohnten sie nicht zu entfernt voneinander, damit sie sich gegenseitig zu Hilfe kommen konnten. Mit einem Vorrat Bärenfleisch und Wild stets verproviantiert, wurden diese kleinen Festungen dadurch in die Lage gesetzt, sich für den Fall, dass sie von den in Gruppen umherstreifenden Indianern belagert würden, mehrere Monate lang zu halten.

Auf solche Weise nahmen die kühnen Ansiedler Besitz von dem Boden und bereiteten einer mächtigen Nachkommenschaft den Weg. Obgleich sie lieber auf der Jagd und der ermüdenden Landarbeit eher abgeneigt waren, versäumten sie doch auch in dieser Hinsicht ihre Aufgaben nicht. Die dem Wald abgewonnenen Ländereien dehnten sich mit jedem Jahr mehr aus. Mais hatten sie in Fülle zu ihrem Bärenfleisch, und die zunehmenden Bequemlichkeiten zeugten vom wachsenden Wohlstand der Ansiedler. Nach und nach wurden sie auch unbesorgter, was die Nachbarschaft der Wilden anging, und ließen nach in ihrer Wachsamkeit, mit der sie früher jede Annäherung auch der freundschaftlich gesinnten Stämme beobachtet hatten. Fünf Jahre ungestörter Ruhe rechtfertigten freilich das Vertrauen, das sie mit der Zeit zu ihren wilden Nachbarn gefasst hatten und das sie im Gefühl der Sicherheit ihrer eigenen Lage bestärkte.

Am Ende dieses Zeitraums jedoch schienen sich die Dinge anders gestalten zu wollen. Die Indianer wurden unruhig. Entferntere Stämme, die verstärkt in Berührung mit den größeren Niederlassungen der Weißen kamen, von diesen im Handel übervorteilt oder durch Alkohol demoralisiert wurden, beklagten sich über ihr Unglück und das Unrecht, das ihnen angetan wurde, oder hatten vielleicht auch, angezogen von den Habseligkeiten der Weißen, das Verlangen, diese Schätze in Masse zu besitzen, die ihnen bis dahin nur in geringem Maß zuteil wurden. Ihre Klagen und Wünsche teilten sie ihren im Innern lebenden Brüdern mit, und unsere Ansiedler wurden durch die Veränderungen, die sie in ihrem Umgang mit den verschiedenen Stämmen und in deren Gesinnungen wahrnahmen, oft beunruhigt.

Wir wollen uns nicht mit einer ausführlichen Beschreibung der sich vorbereitenden Feindseligkeit aufhalten, die schon an anderen Orten hinreichend beschrieben worden ist – genug, dass unsere kleine Kolonie sie bald bemerkte und insbesondere Daniel Nelson ein Auge darauf hatte. Er wurde besorgt, aber nicht ängstlich, und während er sich als guter Ehemann bemühte, seine Frau durch seine Mitteilung nicht zu erschrecken, hielt er es doch für seine Pflicht, sie auf das Schlimmste vorzubereiten. Nachdem er dies getan hatte, fühlte er sich etwas erleichtert, doch wenn er sein fünfjähriges Mädchen aufs Knie nahm und den kleinen Jungen auf dem Schoß der Mutter anblickte, erneuerte sich seine Besorgnis. Er entschloss sich daher, die in letzter Zeit vernachlässigten Vorsichtsmaßnahmen wieder aufzunehmen, und sobald er das Abendessen eingenommen hatte, steckte er sein Jagdmesser zu sich, nahm seine Flinte und rief seinen treuen Hund Clinch, um den Wald in der Nähe seiner Wohnung zu durchstreifen.

Bei dieser Beschäftigung verstrich einige Zeit, und da die Luft mild war und ein glänzender Sternenhimmel die Nacht erhellte, er sich auch in etwas zu unruhiger Gemütsstimmung fand, entschloss er sich, durch den Wald in Richtung der etwa vier englische Meilen entfernten Niederlassung Jacob Ransoms zu gehen, um ihn – und durch ihn seine übrigen Gefährten – auf die Notwendigkeit der Wiederaufnahme ihrer früheren Wachsamkeit aufmerksam zu machen.

Die Ereignisse dieser Nacht überlassen wir nun seiner eigenen Mitteilung, wie wir sie ihn hundertmal haben erzählen hören – und zwar in einem Alter, in dem er, dem Grab nahe, weder eine Unwahrheit, noch sonst etwas gesagt haben würde, von dem er nicht selbst fest überzeugt gewesen wäre.

Fortsetzung folgt: Kapitel 2 demnächst an dieser Stelle.

Eine kurze Einführung zu William Gilmore Simms gibt es hier.

Der Text folgt weitgehend der 2002 erschienenen Buchausgabe „Wigwam und Blockhaus“ von William Gilmore Simms. Die Grundlage ist die Übersetzung von Friedrich Gerstäcker aus dem Jahr 1846. Sie wurde sorgfältig durchgesehen, gelegentlich verbessert bzw. behutsam um die kleine Staubschicht auf der Sprache von vor 170 Jahren bereinigt, eventuell von Gerstäcker vorgenommene kleinere Kürzungen wurden wieder rückgängig gemacht. Das Copyright dieser Textfassung liegt beim Herausgeber Michael Klein.

Mit William Gilmore Simms in die amerikanische Pionierzeit

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Simms? Wer um alles in der Welt ist Simms?

Keine Frage, die Tage werden herbstlich kürzer, die Abende dunkler, die Lesezeit für den, der mag, entsprechend länger. Ein schöner Grund an dieser Stelle für das Prinzip des gehobenen Fortsetzungsromans, und deshalb unternehmen wir in den nächsten Wochen eine Zeitreise in die amerikanische Pionierzeit. Und zwar mit dem Schriftsteller William Gilmore Simms.

Simms? Wer um alles in der Welt ist Simms?

William Gilmore Simms

William Gilmore Simms (Ausschnitt aus einem Ölgemälde eines unbekannten Künstlers)

Zu Lebzeiten (1806-1870) ein immens erfolgreicher und populärer Autor, als „amerikanischer Walter Scott“ oder „Cooper des (nordamerikanischen) Südens“ gefeiert und wegen seiner Produktivität und Vielseitigkeit mit Balzac verglichen. Freilich geriet sein Werk später in Vergessenheit, bis es in den USA in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts langsam wiederentdeckt wurde. „Er ist einer der größten amerikanischen Autoren des 19. Jahrhunderts und heute der zu Unrecht unterschätzteste“, schreibt James Everett Kibler Jr. in der von Steven R. Serafin 1999 herausgegebenen „Encyclopedia of American Literature“. Und der Simms-Kenner Keen Butterworth hält an anderer Stelle fest: „Seine bedeutendsten Werke verdienen ein besseres Schicksal. Sie haben nichts an Kraft verloren, und in ihnen finden wir die lebendigsten und genauesten Beschreibungen des kolonialen Amerika, des Unabhängigkeitskrieges und der Frontier des Südens in unserer Literatur.“

Wer durch diese Zeilen Interesse gewinnt, kann diese Urteile selbst überprüfen. Der nächste Blog-Beitrag beginnt Simms’ Novelle „Lenatewá“. Die Grundlage für die Textfassung ist die Übersetzung von Friedrich Gerstäcker aus dem Jahr 1846. Sie wurde sorgfältig durchgesehen, gelegentlich verbessert bzw. behutsam um die kleine Staubschicht auf der Sprache von vor 170 Jahren bereinigt, eventuell von Gerstäcker vorgenommene kleinere Kürzungen wurden wieder rückgängig gemacht.

MICHAEL KLEIN

 

Je länger, desto Ohrwurm: „See-Land“

See-Land: Liebeslied

EP

Auf WDR 2 wurde diese Musik vorgestellt, inzwischen höre ich sie seit Wochen. „See-Land“ heißt das Musikprojekt, dessen Kopf und Zentrum der Komponist und Gitarrist Martin Deville ist. Fünf Stücke sind auf einer ersten EP veröffentlicht und über YouTube, iTunes oder Spotify abrufbar. Bekanntlich gibt es Musik, die sich nach mehrmaligem Hören zu erschöpfen beginnt, und andere, die etwas Überdauerndes an sich hat. Diese Musik gehört zur zweiten Sorte.

See-Land, Liebeslied, EP 2019Der Einstieg ist das titelgebende „Liebeslied“, ein niveauvoller Ohrwurm, eine angenehm verhaltene Hymne mit poetisch-gewitztem Text und stillem Jubel, denn da finden sich gerade zwei. Man achte auf den Beginn, ohne Intro, ohne Umweg, stark und treffend wie die Liebe auf den ersten Blick.

Mein eindeutiger Favorit unter den fünf Stücken ist „Dein eigenes Echo“, eine atmosphärisch ungemein dichte Klavierkomposition, hinreißend eingespielt, wundervoll im Sound, minimalistisch konzentriert – kein Ton zuviel, keiner zu wenig, alles reduziert auf die maximale Essenz. Es wirkt ein bisschen, als habe sich ein faszinierter Erik Satie ganz in die Betrachtung eines Gemäldes von Edward Hopper vertieft. Drei Minuten voller Klarheit, melancholisch, von zeitloser Schön- und Entrücktheit. Habe ich das Stück gehört, beginne ich es von vorn. Magisch.

In „Ein einziger Garten“ wandeln wir nicht durch gepflegte Blumenbeete und an frisch geschnittenen Hecken entlang, sondern werden überraschender Weise in einem Moment der stillen Freude und des inneren Friedens harmonisch sanft aufs Meer hinausgetragen. „Der Wetterleuchter“ beschwört den Einsatz für die eigenen Überzeugungen und Utopien, die es nicht aus den Augen zu verlieren gilt, kämpferisch im Text, offen und hoffnungsfroh in der Musik. Alle diese Stücke entwickeln sich beim Hören, sind ohne Abnutzungserscheinungen, jenseits jeder schlichten Eingängigkeit, jedes Mal noch etwas besser, als sie beim letzten Durchgang waren.

Weil nichts über das eigene Urteil geht, folgen an dieser Stelle die entscheidenden Links. Zur WDR-Vorstellung von „See-Land“ geht es hier. Weitere Informationen enthält die Website von „See-Land“, über die sich alle Stücke anhören lassen. Wobei der Hinweis nicht fehlen darf, dass es eine (leider nicht käuflich zu erwerbende) Promotion-CD gibt, die die Stücke noch weit besser – weil im Sound deutlich brillanter – zur Geltung bringt. Und direkt zum YouTube-Videoclip von „Liebeslied“ führt schließlich der Klick hier.

MICHAEL KLEIN